„Ich halte den Bügel lieber für etwas Besonderes frei“ Zurück

Wir besuchen Heike Hesemann in ihrem Second Hand-Shop „First Class Klamotte“

Wenn Heike Hesemann über ihren Wohn- und Arbeitsort, das Viertel, spricht, gerät sie ins Schwärmen: „Ich komme aus dem Viertel, ich bin hier aufgewachsen und ich habe noch nie in einem anderen Stadtteil gewohnt. Ich lebe es.“ Seit vier Jahren führt das waschechte Viertelkind dort nun auch sein eigenes Unternehmen, den Second Hand-Shop „First Class Klamotte“ am Körnerwall 1. Die Räumlichkeiten der „Klamotte“ sind groß und hell. Unter derselben Hausnummer findet man außerdem leckere Suppen von „Soups and Stew“ und die Diskothek „Calavera“. Es wirkt familiär in der Ecke zwischen Ostertorsteinweg und Deich. Zwar könnte es mehr Laufkundschaft geben, wirft Heike ein, doch sie schätzt die Ruhe und das Miteinander zwischen den Geschäften. „Diese Intimität ist vielleicht gerade gut, um zu stöbern und etwas mehr Zeit hier zu verbringen.“

Mit dem Laden hat die gelernte Krankenschwester und Psychologin ihr Hobby zum Beruf gemacht, Second Hand ist schon lange ihre Leidenschaft. „Als Schülerin und Studentin auch aus Kostengründen und später, weil ich mir Gedanken über Nachhaltigkeit gemacht habe.“ Der Schritt in die Selbstständigkeit lag damit quasi auf der Hand, nachdem die Ladenflächen am Körnerwall frei geworden waren, erzählt sie.  

Bewusst einkaufen und Individuelles finden

Dass vor allem Nachhaltigkeit heute stärker denn je diskutiert wird, freut Heike indes sehr: „Ich denke schon, dass die Debatte größer geworden ist, auf jeden Fall. Viele Leute reflektieren ihr eigenes Konsumverhalten stärker und geben dadurch Second Hand eine größere Chance.“  Zu ihr kommen Kund_innen aus verschiedenen Generationen und mit „unterschiedlich dicken Geldbeuteln“. Das Ziel: bewusst einkaufen und bestenfalls individuelle Teile mit einer eigenen Geschichte in der „Klamotte“ finden.

Vorurteile gegenüber Gebrauchtwaren gibt es dennoch, weiß die Expertin zu berichten: „In manchen Köpfen wird Second Hand gleichgesetzt mit schmuddelig und ausgewaschen. Dabei hängen in den meisten Second Hand-Läden sehr wohl gut erhaltene und gepflegte Stücke. Ich habe hier sogar Teile mit Preisschild, die noch nie getragen wurden.“ Von Kleidern und Röcken, über Hosen und Gürtel, bis hin zu Regenmänteln, Rucksäcken, Accessoires hat die Ladenbesitzerin einiges (und noch mehr) in ihrem Sortiment. Interessanterweise sind auch Tanzschuhe dabei, da Heike selbst Tänzerin und Tanzlehrerin ist und sich auf diesem Gebiet besonders auskennt.

Ob es im Gegenteil etwas gibt, das sie nicht verkauft? „Ich habe schlechte Erfahrungen mit Unterwäsche und Bademode gemacht. Basics von ganz günstigen Marken verkaufe ich ebenfalls nicht. Was soll ich denn noch für ein Top verlangen, wenn es im Einkauf schon so wenig kostet?“. Ein weiteres, spezifisches Thema ist Fell: „Einerseits finde ich es schade, einen sehr alten Mantel wegzuwerfen, schließlich existiert er ja bereits. Andererseits habe ich kein gutes Gefühl, Pelze zu verkaufen, sodass ich mich am Ende dagegen entschieden habe. Meine Kund_innen begrüßen das. Um ehrlich zu sein, müsste ich das ganze Thema aber für mich weiterdenken und dann auf noch mehr verzichten. Das ist ein Prozess, in dem ich mich befinde.“

Das gewisse Etwas kommt zuerst

An die unterschiedlichen Kleidungsstücke kommt Heike über Kommissionskauf: Kund_innen bringen die Ware zu ihr, sie sucht aus, und der Gewinn wird anschließend geteilt. Alles, was nach zwei Monaten nicht verkauft und von den Kund_innen nicht wieder abgeholt wird, wird anschließend verschenkt oder gespendet. „Im Durchschnitt wollen bestimmt fünf bis sechs Leute täglich etwas abgeben. Das ist eine ganze Menge, wenn man bedenkt, dass ich hier kein Lager habe.“ Obwohl es ihr oft schwerfällt, „nein“ zu schönen Teilen zu sagen, erzählt Heike, hält sie ihre Bügel lieber für etwas Besonderes frei. „Es geht mir aber nicht um teuer oder Marke. Ich gucke nach dem gewissen Etwas, dem Stoff, der Farbe. Das Kleidungsstück muss sich gut anfühlen.“ Unterstützung bei der Auswahl bekommt sie von ihrer Mitarbeiterin Larissa Bormann, die mit ihrem völlig anderen Stil ein gutes Gegenwicht zu ihr darstellt. „Zum Glück, sonst hätten wir nur meinen eigenen Schrank hier hängen.“

Angefangen hat Heike übrigens mit einem reinen Second Hand-Geschäft für Frauen; Kleidungsstücke für Männer sind erst später dazugekommen: „Vor ein paar Jahren hatte ich mal eine Urlaubsvertretung, die spontan zehn Herrenteile angenommen hat: Gürtel, T-Shirts und Hosen. Die waren innerhalb von drei Tagen weg! Mit dieser guten Erfahrung und da ich schon vorher oft nach Herrenmode gefragt wurde, haben wir erweitert.“ Sie selbst ist und bleibt allerdings ihre beste Kundin, scherzt die Geschäftsfrau und Modeliebhaberin: „Ich gebe wie früher etwas von mir her, nehme mir aber auch etwas mit. Second Hand zu kaufen, ist für mich, wie auf Schatzsuche zu gehen. Man kann nicht links oder rechts auf der Stange nach einer anderen Größe gucken. Und wenn man dann was findet, freut es einen umso mehr. Das macht das Einkaufserlebnis ja so einzigartig.“

First Class Klamotte

Di-Fr: 13:00 - 18:30 · Sa: 11:00 - 16:00

Körnerwall 1

0421 69506090

heike@first-class-klamotte.de

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