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Warum es die Nachhaltigkeit in der Textilbranche so schwer hat

Wir treffen Malte Breford vom Bremer Eco Fashion-Label Disko Streetwear zum Interview

Detailverliebtes Graphikdesign, Biobaumwolle, faire Produktion und eine extrem lässige Attitude: Fertig ist das Geheimrezept von Disko Streetwear, einem Bremer Eco Fashion-Label, das 2011 von Malte Breford und Moritz Brunken gegründet wurde und seit 2014 sein Zuhause im Viertel gefunden hat. Eine Besonderheit von Disko Streetwear ist die hauseigene Siebdruckwerkstatt, in der Malte, heute alleiniger Inhaber, auch Workshops anbietet, um seinen Kund*innen die Leidenschaft für Textilien näherzubringen. 

Wir haben mit ihm über sein Konzept, aber auch die Herausforderungen gesprochen, die Eco Fashion mit sich bringt. 

Malte, was macht Disko Streetwear besonders nachhaltig?   

Unsere Produkte werden ausschließlich aus Biobaumwolle und Recyclingmaterialien hergestellt und unter fairen Bedingungen produziert, ein Großteil sogar komplett CO2-neutral.  Wir veredeln sie in aufwendiger Handarbeit per Siebdruck in eigener Werkstatt. Dazu verwenden wir wiederum wasserbasierende, vegan zertifizierte Farben, die entsprechend umweltschonend sind. So konnten wir den Chemie-Einsatz auf ein absolutes Minimum reduzieren. Unseren Strom beziehen wir von Naturstrom, alle Verpackungsmaterialien sind zudem ausschließlich aus recyceltem Papier hergestellt.

Von der Idee und der selbst angefertigten Zeichnung eines Motivs, bis hin zum fertig gedruckten Produkt, entsteht alles in echter Handarbeit. Das macht jedes Teil einzigartig. Zudem unterstützen wir gern lokale Betriebe, um kurze Transportwege und geregelte Arbeitsverhältnisse zu garantieren. Grundsätzlich kann man sagen, dass wir in allen Bereichen nach den nachhaltigsten Lösungen suchen, um unsere Ideen umzusetzen.

Warum liegt Dir das Thema persönlich am Herzen? 

Ich habe zu jedem Produkt, was ich hier verkaufe, eine ganz andere Bindung, als wenn ich es nur bestelle, auspacke und weiterverkaufe. Das ist ein riesiger Unterschied. Außerdem kann ich so viel mehr ausprobieren, mit Materialien spielen und auch Kleinstauflagen oder sogar Einzeldrucke realisieren, für die ich mir danach direktes Kundenfeedback abhole. Ohne unsere eigene Siebdruckwerkstatt und die Expertise, die wir uns angeeignet haben, wäre das alles nicht möglich. Die Kund*in bekommt so einen viel direkteren Bezug zu dem Produkt, als es bei einer Massenproduktion möglich wäre.

Kannst Du uns das mit dem „direkten Bezug“ genauer erklären? 

Bei Textilien haben wir es mit einer Wirtschaft zu tun, die eigentlich komplett bescheuert ist. Es geht um Produkte, die im Vergleich eine unglaublich lange Wertschöpfungskette haben. Vom Anbau der Baumwolle bis hin zum fertig geschneiderten und bedruckten Teil sind es zig Schritte. Davon haben wir uns in Deutschland weit entfernt, weil wir hier überhaupt keine große Textilproduktion mehr haben. Fast alles kommt aus Asien.  

Die Kund*in weiß deswegen in der Regel gar nicht mehr, wieviel Arbeit in einem Teil steckt. Wenn sie jedoch merkt, wieviel Aufwand allein der Druck macht, ändert sich ihre Wertschätzung. Sie bekommt ein Gefühl dafür, wie lang die Wertschöpfungskette ist, zu der wir als Veredeler ja 'nur' on top dazu kommen.


Konsum im Kern, und das muss eigentlich allen klar sein, kann nicht vollständig nachhaltig sein, weil wir Ressourcen verbrauchen, indem wir konsumieren, und zwar immer.

Bist Du auf ein Produkt aus Deinem Store besonders stolz? 

Die Mützen, die wir verkaufen, werden in Lilienthal produziert. Sie sind nicht aus Polyester, sondern aus Schur- und Merinowolle, und damit auch das einzige nicht vegane Produkt, das wir haben. Doch da stehe ich zu, weil das ein geiles Unternehmen ist, das das für uns macht. Mittelständler, flexibel, extrem hochwertige Produkte.

Vom Preis her verkaufen wir die Mützen für 30 Euro, was ja auch bei großen Marken ein normaler Preis ist. Diese Mützen sind dann aber 100 Prozent Polyester. Außerdem kenne ich teilweise die Einkaufspreise solcher Rohwaren, da sehen die Gewinnspannen ganz anders aus. Letztlich bin ich jedes Mal ein wenig stolz, wenn ein neuer Druck so aussieht  wie geplant oder sogar besser.

Jetzt haben wir viel über Dein Geschäft gesprochen. Wie setzt Du Nachhaltigkeit im Privaten um? 

Ich versuche natürlich, auch in meinem Alltag stark darauf zu achten. Wobei ich weiß, wie schwierig es ist, Konsum nachhaltig zu gestalten. Konsum im Kern, und das muss eigentlich allen klar sein, kann nicht vollständig nachhaltig sein, weil wir Ressourcen verbrauchen, indem wir konsumieren, und zwar immer. Da kann die Baumwolle noch so Bio sein – es ist und bleibt trotzdem aufwendig, aus einem Strauch ein T-Shirt zu machen. Dieser Prozess kostet Energie.

Man kann allerdings versuchen, diese Energie einigermaßen nachhaltig zu gewinnen und zu transportieren. Als Firma tun wir da meiner Meinung nach echt viel für, schon vom Grundkonzept her. Wir verzichten lieber auf Marge und verkaufen Produkte, die hochqualitativ und nachhaltig sind und auch wirklich länger halten.

In Deinen Worten schwingt eine Art Aufklärungsgedanke mit … 

Wertschätzung gegenüber dem Textilprodukt zu transportieren, ist durchaus ein Ziel. Wir hatten mit Disko auch mal eine Kooperation mit der Uni Oldenburg, bei der wir als Projektteilnehmer an einem Nachhaltigkeitsseminar mitgemacht haben. Die Studis sind zu uns gekommen und haben Kundenbefragungen durchgeführt und evaluiert. Dabei haben wir einerseits gemerkt, wie weit die Kund*in vom Produkt entfernt ist, und andererseits, wie unglaublich kompliziert die Wertschöpfungskette auch für uns selbst ist.  

Inwiefern für Euch selbst? 

Es ging zum Beispiel darum, ob wir in Deutschland produzieren lassen sollten oder zumindest im europäischen Ausland, da der Großteil im Moment aus Asien kommt – zwar alles fair und unter guten Arbeitsbedingungen produziert und zertifiziert, nichtsdestotrotz von weit weg.

Wir haben also viel recherchiert und festgestellt, dass es sehr schwer und hochpreisig ist, Biobaumwolle aus Europa zu bekommen: Ein bisschen wird in Griechenland und Portugal angebaut, die meisten Bauern kommen halt aus Indien, und das zu 80 Prozent, glaube ich. Man darf die Arbeit von dort übrigens nicht automatisch mit Kinderarbeit gleichsetzen, möchte ich an dieser Stelle noch mal sagen. Das stimmt so einfach nicht, die Näher*innen aus Bangladesch brauchen zudem auch ihre Jobs.

Und was haben Eure Kund*innen damals in der Befragung dazu gesagt? 

Made in Germany wäre für die meisten super, ganz klar. Doch was bedeutet das eigentlich? Ab welchem Produktionsschritt ist ein Shirt oder eine Mütze Made in Germany? Bei dieser Frage sind die meisten total ins Schwimmen gekommen. Denn, und das ist auch noch mal eine ganz interessante Info, laut dem Textilkennzeichnungsgesetzt der EU, ist der letzte Veredelungsschritt auch die Herkunftsangabe eines Produktes. Wir könnten also theoretisch alles Made in Germany, sogar Made in Bremen nennen, da wir hier drucken beziehungsweise veredeln.

Für Kund*innen macht es das fast unmöglich nachzuvollziehen, woher das Textil eigentlich kommt. Viele, die das checken, sagen zu mir: 'Eigentlich sind die Sachen bei Euch immer noch viel zu günstig!' Leider ist das eine Maschinerie in dieser Branche, gegen die man nicht richtig ankommt. Ich habe so viele Ideen für Blog und Videos, um das Thema noch stärker in den Vordergrund zu rücken - das ist allerdings sehr zeitintensiv, vor allem, wenn man nicht nur seinen eigenen Shop, sondern noch weitere Projekte und ein Privatleben hat.

Danke für das interessante Gespräch, Malte! Kannst Du uns noch ein letztes Resümee zum Thema Nachhaltigkeit (aus Deiner Sicht) geben? 

Nachhaltigkeit ist ein sehr komplexes Thema, wie in der Politik meist auch. Es gibt nicht die einfachen Wahrheiten, nicht das eine tolle nachhaltige Produkt. Es ist alles viel komplexer und vielschichtiger – und oft lohnt es sich genauer hinzuschauen.


(Anmerkung der Redaktion: Das Interview ist Ende 2019 geführt worden. Zu Beginn des Jahres 2020 hat Malte bekannt gegeben, dass er mit Disko Streetwear das Viertel verlässt, um wieder zu den Ursprüngen seiner Marke zurückzukehren und wieder mehr Zeit zu haben, mit Freunden und Familie kreativ zu sein und mit Siebdruck zu experimentieren. Wir wünschen ihm viel Erfolg für die Zukunft!)



Disko Streetwear

Di-Sa: 12:00 - 18:00

Vor dem Steintor 163

0421 17 31 69 29

kontakt@disko-streetwear.de

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