Aktuelles · Viertelbetriebe hautnah

Der Uhrmacher

Geschäfte & Geschichten

In unseren Viertel-Profilen stellen wir jeden Freitag ein neues Geschäft aus dem Quartier vor. Heute: Der Uhrmacher

Einmal brachte ihm eine Frau die Uhr ihres Mannes zur Reparatur. Als er sie ihr wiedergab, sagte er, dass ihr Mann nun damit tauchen könne. Die Kundin freute sich: wie schön, bisher konnte er noch nicht einmal schwimmen. Wer etwas Zeit mitbringt, der kann von Gerd Martin so manche kleine Anekdote erfahren, denn "um jede Uhr rankt sich eine ganz besondere und sehr individuelle Geschichte", weiß Martin, der Uhrmacher im Viertel.

Vor 20 Jahren hat er den traditionellen Laden Vor dem Steintor 119 übernommen und aus seiner Vorliebe für Altes und seiner Leidenschaft für das Sammeln antiker Uhren einen Beruf gemacht. "Vor allem kommen die Kunden, um eine Reparatur durchführen oder ein neues Glas einsetzen zu lassen, ein Armband zu kaufen oder eine Batterie", sagt er, doch immer wieder kommen Menschen auch mit ganz besonderen Stücken zu ihm. Sie vertrauen ihm ihre liebgewonnenen Exemplare an, weil sie spüren, dass sie bei ihrem Uhrmacher Gerd Martin in guten Händen sind.

Er zeigt eine Rarität, die bereits den Ersten und Zweiten Weltkrieg überlebt hat. Es ist schon erstaunlich, dass diese Uhren immer noch laufen. Wenn nicht, dann öffnet Martin das Gehäuse, seziert das Uhrwerk, die vielen kleinen Zahnräder, die präzise zusammenpassen müssen. Manchmal baut er auch defekte Zahnräder nach und wenn mal ein ganz bestimmtes Schräubchen fehlt, weiß er, woher er ein Originalersatzteil bekommen kann. Das kann schon mal dauern, doch was ist schon die Zeit, wenn es um ein besonderes Stück geht, um ein Erbstück oder eine Uhr, die schon jahrelang irgendwo in einer Schublade lag und plötzlich wiederentdeckt wurde.

Gerd Martin selbst ist ein echter Tüftler, ein Mensch, der jede Uhr liebe, wie er sagt. Außer Plastikuhren. Diese könne man noch nicht mal öffnen, erklärt er, die würden von Beginn an für den Müll produziert, seien nur noch Wegwerfartikel. Besonders alarmierend: Der Plastikmüll löst sich nicht auf, ist giftig, schädigt unsere Umwelt und am Ende wieder den Menschen, da er als Pulver in unseren Ernährungskreislauf gerät. Martin ärgert sich über diese Uhren, deren Material und Verarbeitung bei weitem nicht die viel zu überhöhten Preise rechtfertigen.

Wir müssen uns wieder auf unsere Werte besinnen, sagt er und sorgt sich um die Zukunft des Einzelhandels, der immer mehr Konkurrenz durch beliebige Billigproduzenten aus Fernost, den Verkauf durch unfachmännisches Personal in Kaufhäusern und von Händlern im Internet bekomme. Ihn erschreckt aber auch die Vielzahl von Friseurläden, von Bäckereien und Imbissbuden - "wie sollen die alle überleben?" Eine Entwicklung, die sich doch keiner wünschen dürfe, sagt er: "Wollen wir wirklich auf Kosten von oftmals unausgebildeten und weit unterbezahlten Menschen leben?"

Während er mit einem plaudert, repariert er auch schon mal weiter, selbst eine komplizierte Mechanik eines Uhrwerks. Beim Arbeiten könne er am besten denken, sagt er und wünscht sich auch in Zukunft die Vielfalt im Viertel. Als mündiger Konsument müsse man den Einzelhandel unterstützen, denn es gehe nicht nur um einen Uhrmacher in der Nähe, sondern irgendwann auch um das ganz normale Lebensmittelgeschäft. Am Ende beschweren sich alle, wenn auch solche Läden den Standort wechseln, weil das Umfeld in einem Quartier nicht mehr attraktiv genug sei, da nach und nach immer mehr Einzelhändler dicht gemacht haben. So freut er sich über eine Aktion von Einzelhändlern im Rheinland, die mit verhängten Schaufenstern auf den "Beratungsklau" hingewiesen haben. Denn immer mehr Menschen lassen sich im Fachgeschäft beraten, kaufen aber dann im Internet ein.

Zum Glück aber gibt es noch den Uhrmacher im Viertel und über fehlende Kunden kann er sich nicht beklagen. Doch was ist, wenn er eines Tages nicht mehr da sein sollte? Wird es dann noch einen klassischen Uhrmacher geben, der noch weiß, wie eine Uhr richtig ticken sollte? An Gerd Martin zumindest sollte es nicht liegen, denn er freut sich noch jeden Tag in seinem kleinen Laden zu sein. Einem Laden, der nicht nur auf Freunde antiker Uhren oder ungewöhnlicher Zeitmesser wie eine kleine Schatzkiste wirken muss. Ein Laden, der nicht nur ein Fundus von Uhren ist, sondern ein liebevolles Kleinod vieler persönlicher Geschichten.

(Foto/Text: Volker Schwennen)

Der Uhrmacher

Mo-Sa: 10:00 - 13:00 · Mo-Fr: 15:00 - 18:00

Vor dem Steintor 119

0421/75600

uhrmacherinbremen@gmx.de

mehr Infos zum Geschäft >>>